Steve Vai Interview
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Mit Gitarren-Supergroup “Generation Axe” auf Tour, ein bald erscheinendes Doppelalbum – 2016 ist für Steve Vai ganz schön stressig, und er liebt es. Das große Steve Vai Interview!

Es ist Sonntagmittag, und Steve Vai sollte eigentlich völlig fertig sein. Immerhin hinkt er bei Gitarren-Arrangements hinterher, die er mit Yngwie Malmsteen, Zakk Wylde, Nuno Bettencourt und Tosin Abasi auf der 27 Städte umfassenden Tour von „Generation Axe“ spielen wird. Außerdem muss er in weniger als 24 Stunden nach Dubai fliegen, wo er eine Rede bei einem YPO (Young Presidents‘ Organization)-Meeting halten wird.

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Und in den kurzen Momenten, in denen er zuhause ist, trackt und mixt er fieberhaft Songs für sein nächstes Album „Modern Primitive“ [Sony]. Aber das ist noch nicht alles, denn Vai remastert sein „Passion and Warfare“-Album von 1990, das auch heute noch als eins der Referenzen in Sachen virtuosen Gitarrenalben angesehen wird.

Steve Vai Interview – Erst mal durch den Garten

Falls Vai sich unter Druck gesetzt fühlt, zeigt er es nicht. Nachdem er über einen nicht ganz jugendfreien Witz des Rock-Fotografen Neil Zlozower gelacht hat, bringt Vai mich in sein berühmtes Hinterhofstudio, „The Harmony Hut“. Aber als wir uns dem nähern, gehen wir immer weiter, bis wir zu einem Holzgitter in seinem Garten kommen, das voll mit lilafarbenen Blüten ist.

„Guckt mal hier – die blühen nur am Anfang des Frühlings“, sagt er, während er daran riecht. „Süd-Kalifornien ist doch toll um diese Zeit, oder?“ Der Mann mit der längsten To-Do-Liste im Gitarrenuniversum nimmt sich also wirklich Zeit „to stop and smell the roses.“ Unfassbar.

Aber wenn schon die Blüten himmlisch sind, ist es das Innere des Studios erst recht. Geht man in dieses verzaubernde Holzstudio hinein, wird man von Gitarren jeglicher Bauform begrüßt, die vom Boden bis zur Decke reichen. Natürlich findet man in der Sammlung ziemlich viele Ibanez Steve Vai JEM-Modelle. Auch die Vielfalt der Verstärker ist gigantisch, und die Regale sind vollgestopft mit Pedalen jedes Typs. Es fühlt sich fast an, als wäre man auf der Arche Noah, wenn Noah ein Gitarren-Gear-Sammler gewesen wäre.

Vai geht in den Kontrollraum und setzt sich an die extra für ihn gebaute Konsole. „Hört euch das mal an“. Die Pro Tools Session von „And We Are One“ (von „Modern Primitive“) wird dank zweiter Ocean Way-Monitore lebendig, beide jeweils so groß wie Angus Young. Man merkt dann schnell, dass Steve Vai keiner der „Ich höre mir meine fertigen Stücke nie an“-Typen ist.

Steve Vai Interview: Ein kleiner Blick in „The Harmony Hut“:

Im Gegenteil: Vai spielt eifrig die Luftgitarre zu seinem eigenen Solo, komplett mit Grimassen und allem. Jede Nuance des Leads wird imitiert, und der Track stoppt nur, wenn er eine interessante Technik erklären möchte. „Für die folgende Note“, sagt er, „bediene ich mein Morley Little Alligator Volume Pedal mit einem Fuß, und ein Wah-Pedal mit dem anderen. Währenddessen benutze ich meinen Whammy. So detailliert arbeite ich. Es ist nur eine Note, aber ich habe mein ganzes Leben damit verbracht zu dem Punkt zu kommen, an dem ich diese Note spielen kann.“

Steve Vai Interview – Das Verbindungsglied

Im nächsten Part des Solos zeigt er (wieder per Luftgitarre) eine neue Art und Weise, wie er single-note-scoops mit leichten Flamenco-Style-Strums auf derselben Saite spielen kann. „Ich habe mich noch nie so sehr mit Phrasing beschäftigt wie in diesem Solo“, sagt Steve Vai. „Manche werden es vielleicht gar nicht erst bemerken, manche denken, dass ich einfach nur herumspiele, aber für mich ist dieses Solo das Höchste, wenn es um das Phrasieren auf diesem Instrument geht.“

Wie viele der Songs auf „Modern Primitive“ ist „And We Are One“ eine alte Komposition, geschrieben nach „Flex-Able“ (das Vai 1984 im Alter von 23 veröffentlichte), aber noch vor „Passion and Warfare“ (dessen Veröffentlichung sich bis 1990 zog, nachdem Vai seine Abenteuer mit David Lee Roth und Whitesnake beendete). Trotzdem sind fast alle aufgenommenen Parts neu.

„Hört man sich diese beiden ersten Alben an, klingt es so, als wären sie von zwei verschiedenen Leuten gemacht worden“, erzählt er. „Modern Primitive beherbergt die Musik, die zwischen diesen Veröffentlichungen lag. Es ist praktisch das „Missing Link“ zwischen diesen Alben.“

Du könntest auf jeden Fall einen Luftgitarren-Wettbewerb gewinnen.

Das kommt von meiner Zeit, bevor ich ein Teenager war, und verschiedene Tennisschläger kaputt machte und mit dem Besenstiel vor einem Spiegel stand. Ich sprang von einem Bett zum anderen wie ein Verrückter.

Wie bist du auf all diese neuen Herangehensweisen beim „We Are One“-Solo gekommen?

Ich habe diese tolle Technik benutzt, von der ich nur empfehlen kann, dass jeder Gitarrist mit ihr experimentiert. Zunächst habe ich die Gitarre im Hintergrund geloopt, und dann jede Nacht darüber soliert – weil ich das liebend gerne tue. Dann habe ich mir alle Takes angehört, auf der Suche nach jeder noch so kleinen einzigartigen Idee, Riff, oder Sound, den ich von mir noch nie gehört hatte.

Wenn ich etwas Cooles hatte, habe ich versucht herauszukriegen, was ich da gemacht hatte. Das übte ich dann solange, bis es mir natürlich vorkam. Auf diese Weise nimmt man neue Sachen in sein Spiel mit auf.

Das Einzige, was Leute davon abhält, etwas Anderes, Cooles und Interessantes zu machen, ist ihr Gedanke, dass sie es nicht können. Aber natürlich kann man es – dafür bist du hier. Als ich beispielsweise „Gravity Storm“ [von „The Story of Light“, Anm. d. Red.] konzipierte, begann das basierend auf Halbtonbendings von einzelnen Noten. Jetzt, auf „Modern Primitive“, gibt es einen Part in einem Song namens „Dark Matter“, wo ich dachte „Was wäre, wenn ich dieses Prinzip nehme und es auf einen ganzen Akkord anwende?“

Also habe ich das einfach getan, mit einem Hendrix-Style #9 Voicing. Ich habe geübt, wie ich den Akkord mit meiner Griffbrett-Hand bende, so lange, bis alle vier Noten „in tune“ waren. Ich spreche das an, weil es ein toller Weg ist, etwas Neues zu kreieren – man stellt sich etwas Neues vor, und dann sprengt man die Grenzen, bis man es kann.

Es gibt einen tollen fuzzigen Lead-Part in „Dark Matter“.

Das ist ein Dunlop Fuzz Face. Mit denen spiele ich gerne herum, weil sie so knorrig sind. Sie klingen so, als ob die „Haut“ der Musik reißt. Da gibt’s eine Menge Distortion, und ich mache meine beste Jack White-Imitation. Ich glaube, ich schickte das Signal in einen Victoria 80212, weil der Legacy eher breiter klingt, ich den Ton aber sehr spitz und klar, aber trotzdem total „overdriven“ haben wollte – so sehr, dass man denkt, die Batterien geben den Löffel ab.

Wann hast du „Dark Matter“ geschrieben?

Das ist tatsächlich ein Song, den ich erst seit fünf Jahren oder so mit mir rumtrage, also klingt er nicht ganz wie der Rest des Albums. Es ist eher eine Art Bonustrack.

Steve Vai Interview, Seite 2: G3 und „Generation Axe“, Training und Gitarren-Synthesizer!