Victor Bailey Interview (Foto: Bass Player)

Er stürzte sich auf den Weather Report-Thron – und arbeitete im Laufe der Zeit auch mit Pop-Größen wie Madonna oder Lady Gaga zusammen. Das Victor Bailey Interview!

Betrachten wir kurz die zweite Hochzeit der Bassgitarre: die höchst talentierte und aufs genaueste abgestimmte Gruppe, die in die Fußstapfen der Low-End-Pioniere Stanley Clarke und Jaco Pastorious trat. Wie der Hexenzirkel der wahnsinnigen Keyboarder, den Miles Davis in den späten 60ern braute, signalisierten Namen wie Marcus Miller, John Patitucci, Darryl Jones und Jeff Andrews eine neue Dynamik der Bassgitarre. Der furchtlose Anführer dieser Bewegung? Das wäre eben Victor Bailey, der sich begierig auf Jacos Weather-Report-Thron stürzte, um seine eigenen dramatischen Töne auf dem Bass herauszubringen.

Victor Bailey Interview – Von Krankheit ausgebremst

Bailey trieb die Neudefinition des „Pocket“-Spiels mit seinem elastischen Groove voran und erhöhte die Messlatte des Bassspiels mit seiner Herrschaft über Bebop und Vocalphrasing über ein weit gefächertes Gebiet von Jazz, R&B und Poprecordings sowie vier gefeierte Soloscheiben. In letzter Zeit wurde Victor durch die aus seiner Muskelschwund-Diagnose in den 90ern resultierenden Gesundheitsprobleme gebremst. Trotzdem lebte er sich gut am Berklee College Of Music ein und teilt dort seine Begabung und sein Wissen als ein Mitglied der Bassfakultät.

Victor Bailey Interview: „Bottom’s up“ vom gleichnamigen Soloalbum:

Unglücklicherweise verschlechterte sich im letzten Jahr seine Gesundheit: sein Oberkörper wurde geschwächt und er somit gezwungen, sich zeitweilig in eine Pflegeeinrichtung zu begeben. Zu seinem Leiden kommt die frustrierende Bürokratie des Gesundheitssystems, die Victor dazu gezwungen hat, ein Crowdfunding zu starten, um seine sich stapelnden Arztrechnungen begleichen zu können (um etwas beizutragen: klick!). Aber Victors unbeugsamer Elan und unverblümtes Wesen bleiben intakt und er kann punktgenaue Details über seine unglaubliche Lern- und Spielerfahrung herunterrasseln.

Victor Bailey Interview – Anfänge

Bailey wuchs, am 27. März 1960 in Philadelphia geboren, umgeben von Musik auf. Viel davon kam aus dem Keller, in dem sein Vater, der Komponist, Arrangeur und Saxophonist Morris Bailey Jr., einen Proberaum hatte, in dem Philly-Soul-Künstler und auch Jazzmusiker häufig anzutreffen waren. Solange er sich erinnern kann, spielte Victor Klavier und wechselte mit zehn Jahren ans Schlagzeug, in diesem zarten Alter schon mit Erwachsenen in einer professionellen R&B-Combo arbeitend. Fünf Jahre später, als der Bassist der Band, müde geworden vom jungen Victor, der ihm sagte, was er zu spielen habe, die Band verließ, wechselte Victor an den Bass. Er erinnert sich „Ab dem Moment, in dem ich ihn in die Hand nahm, konnte ich alle unserer Songs spielen und ich improvisierte und füllte die Parts an; die Jungs in der Band sagten „Der Junge kann Bass spielen!“

„Mein Vater, der mich niemals unterbrach, wenn ich probte, kam die Treppe runtergestürzt und fragte, wer den Bass spiele. Er sah, dass ich es war und sagte, „Du solltest Bassist werden“. Ich sagte: „Ich weiß“, und ich fasste nie wieder ein Schlagzeug an.“ Ein paar Monate später, an Weihnachten 1975, bekam Bailey einen Candy Apple Red Fender Musicmaster Bass. „Ich war besessen vom Instrument und wurde immer besser; ich hing nicht rum oder machte Sport, ich übte den ganzen Tag, jeden Tag. Der Bass war es.“ So begann eine lange Reise mit tausenden Halb- und Ganztönen.

Was waren deine frühen Einflüsse auf dem Bass?

Von früh an hörte ich Tyrone Brown, Arthur Harper, Ron Baker, Jimmy Williams und Alphonso Johnson in meinem Keller, aber ich war damals noch ein Drummer, also beachtete ich sie nicht wirklich. Als ich zum Bass wechselte, waren meine großen drei Larry Graham, Stanley Clarke und Alphonso. Dann brachte ein Referendar Jacos Soloalbum (1976, Epic) und Weather Reports Black Market (1976, Columbia) in die Schule, und das veränderte mein Leben. Ich ging nach Hause, nahm einen Schraubenzieher und riss die Bünde aus meinem Musicmaster – mit Teilen meines Griffbretts, die ich dann kleben musste – bestimmt dazu, ein Fretless-Spieler zu werden.

Weil ich Harmonien und Akkorde vom Klavierspiel kannte und diese auf den Bass anwandte, fühlte ich eine Verbundenheit zu Jaco und Alphonso auf diesen beiden Alben. Ich sagte zu meinem Vater: „Diese Typen spielen genau wie ich, nur eintausendmal besser!“ Jaco war ein etwas größerer Einfluss, vor allem klanglich und melodisch. Ich spielte auch Kontrabass in meiner High-School-Jazzband sowie im Orchester.

Während dieser mich nicht so interessierte wie der elektrische Bass, beschäftigte ich mich intensiv mit Ray Brown, Ron Carter und Paul Chambers, was es mir ermöglichte, gut genug auf dem elektrischen zu spielen, um regelmäßig Auftritte in lokalen Jazzbars bestreiten zu können. Auf der R&B-Seite kann ich Louis Johnson als auch Bobby Watson mit Rufus als Haupteinflüsse nennen.

Wie kamst du nach Berklee und welchen Bass hast du gespielt?

Mein Jazzbandlehrer an der High School bekam immer das Downbeat-Magazin. Ich las es jeden Monat und mir fiel auf, dass viele der Künstler nach Berklee gingen; ich sagte mir, ich muss dorthin. Ich wollte Fusion spielen, was damals die neue, aufregende Musik war. Ich kam im Herbst 1978 mit meiner Fretless-Musicmaster an, kaufte aber kurze Zeit später den roten ’66er Bass, den ich bei Weather Report spielte, für 600$, genau gegenüber vom Berklee.

Zuerst ließ ich die Bünde herausnehmen, aber da ich eine Menge R&B-Gigs spielte, auf denen ich slappen musste, wurde mir klar, dass ich einen Jazz Bass mit Bünden brauchte. Ich ging zurück in den Laden, um einen zu probieren. Sofort fiel mir auf, dass ich, obwohl Jacos und Alphonsos Einfluss zu hören war, auf einem bundierten Griffbrett viel mehr nach mir selbst klang. Also kaufte ich den Bass und ließ die Bünde wieder in den ’66er einsetzen, und ich spielte danach eigentlich nie wieder mehr auf einem Fretless.

Was brachte dich dazu, Bebop zu studieren, und wie verlief dein Weg dahin?

In der High School spielte ich Bebop-Records, aber die Person, die sich in meinem Gedächtnis einbrannte, war Bobby Broom, ein Gitarrenstudent, den ich traf, als ich in Berklee anfing. Er war 17 und klang schon wie George Benson. Die Tatsache, dass er sowohl ein Jahr jünger als auch besser als ich war, motivierte mich, die lineare Sprache des Bebop zu lernen und die Fähigkeit zu erlangen, wie Hornspieler durch die Changes zu gehen.

Bassisten müssen das nicht können; es gibt viele, die sich ihren Hintern abswingen, und wenn dann ein Solo kommt, schlittern sie schon irgendwie durch die Changes. Also trafen Bobby und ich uns jeden Tag, um das zu proben. Und mit dem Ansporn meiner Lehrer, Bruce Gertz, Whit Browne, Rich Appleman und John Repucci, fing ich an, Soli von Trane, Miles, Lee Morgan, Freddie Hubbard und anderen zu transkribieren.

Victor Bailey Interview Teil 2: Der Anfang bei Weather Report und seine Rolle in der Band!